Fastenhirtenbrief_2021

Erzbischof Alois Kothgasser im Fastenhirtenbrief: Nach den Worten der heiligen Hildegard von Bingen handeln sich den Terror und die Depression ein, wenn die Menschen kein Gesetz mehr anerkennen.

Salzburg (kath.net/pm) Eigenartig, wie es zugeht, dass einen plötzlich eine Stimme aus der Entfernung anredet, als meine sie mich, als meine sie uns heute, ganz persönlich, in dieser ganz bestimmten Menschen- und Weltsituation.

Die heilige Hildegard von Bingen nannte sich selbst „Posaune Gottes“. Einige ihrer Gedanken mögen uns in dieser Fastenzeit zu denken geben. Sie hört den erschütternden Aufschrei der Naturelemente, die sagen: „Wir können nicht mehr laufen und unsere natürliche Bahn vollenden, die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten von unterst zu oberst und wir – die Luft und das Wasser – wir stinken schon wie die Pest.“ Hildegard spricht von Luftvergiftung und klimatischen Katastrophen, von schleichenden Geschwüren bei Mensch und Tier. Sie schaut, wie das Grün der Erde verdorrt, wie die Wälder absterben. „Nun speit die Luft Schmutz aus, so dass der Mensch nicht einmal wagt, seinen Mund zum Atmen zu öffnen.“

„Wann wird das sein, was ihr da ankündigt?“ So wird Hildegard gefragt. Sie gibt Antwort. Es wird zu einer Zeit sein, in der die Menschen zueinander sprechen: „Lasst uns endlich das unerträgliche Joch der Gebote Gottes abschütteln. Gott ist ein Tyrann.“

Wenn die Menschen kein Gesetz mehr anerkennen, dann handeln sie sich nach den Worten Hildegards den Terror und die Depression ein. Der Mensch hat sich quer zu Gott gelegt und damit auch quer zur Mit- und Umwelt. Er belastet mit seiner eigenen Entfremdung nicht nur sich selbst, sonder bringt langsam alles in Verwirrung. Die Welt wird gespenstisch und läuft Gefahr, unmenschlich zu werden. Sind wir heute nicht an diesem gefährlichen Punkt angelangt? „Halt ein, du baust eine Ruine!“ So rief Hildegard den Menschen ihrer Zeit zu. „Halt ein, du baust eine Ruine!“ Dieser Ruf gilt auch uns Menschen von heute. Der Mensch greift heute mehr denn je in eigener Machtvollkommenheit nach den elementaren Bausteinen der Schöpfung, ob wir sie nun Atom oder Gen nennen mögen. Gerade dabei zeigt sich zutiefst auch seine Ohnmacht, diese seine Situation noch bewältigen zu können.

Hildegard zeigt einer krank gewordenen Menschheit die Therapie und richtet sie mit ihrem Wort zugleich auf. Sie möchte uns bedeuten: Wir brauchen nicht in unserer Ohnmacht angesichts der Giganten von Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Politik in Panik oder Resignation zu geraten. Sie zeigt, welch gewaltige Kraft der Mensch besitzt. Obwohl er im Verhältnis zum Weltganzen jämmerlich klein ist an Gestalt, vermag er viel, wenn er sich dem Wirken Gottes öffnet, wenn er Gott einlässt in diese Welt, indem er sich in Freiheit für das Gute, Wahre und Schöne entscheidet.

Die Therapie lautet: Umkehr zu Gott! Gott hat einem jeden von uns das Weltnetz, das heißt, das Gesamt der Wirklichkeit in die Hand gegeben, zum Aufbau oder zur Zerstörung. Zwar sind wir zunächst selbst in dieses Netz verflochten mit unseren Anlagen, Lebensverhältnissen, Verhängnissen; wir sind durch unseren Leib eingeästet in der Natur wie die Zweige in den Baum. Und doch dürfen wir im Auftrag unseres Schöpfers gerade wegen unserer Solidarität mit allem was ist und lebt, die Geschicke dieser Welt mitverantworten.

Wieso und woher haben wir solche Macht, fragt Hildegard und antwortet: „Vom Herzen des Menschen geht ein Weg zu den Bau- und Schaltstellen von Kosmos und Geschichte.“ Es stimmt: Ob ich mich in diesem Augenblick, an diesem Tag für die Liebe entscheide oder für den Hass, das rührt an die äußersten Grenzen des Kosmos und berührt die innersten Abgründe der Erde. Hildegard sagt: „Wenn der Mensch sein Herz zu Gott öffnet und es dadurch licht macht, dann wird alles grünen, was dürre ist. Korn und Wein wachsen durch diese geheime Kraft.“

Jeder von uns hat also die Fähigkeit, die Welt zum Guten zu verändern, schon durch die kleinste Tat der Liebe, durch jeden guten Gedanken und durch jedes gute Wort. Jeder von uns hat die Fähigkeit, seinen Beitrag zu leisten. Keiner ist so arm, dass er nicht etwas geben könnte, auch nicht der kranke und alte Mensch. Und keiner ist so reich, dass er nicht etwas brauchen würde.

Man wird fragen: „Wie kann Gott uns solche Weltverantwortung aufladen? Er müsste doch wissen, wie labil wir sind. Jetzt tun wir das Gute und gleich schon tun wir wieder das Böse!“ Welch ein Risiko für Gott, dass er die Weltverantwortung mit uns Menschen teilen will, der dieser Aufgabe scheinbar gar nicht gewachsen ist.

Hildegard gibt die Anfrage an Gott weiter und lässt ihn selbst die Antwort geben: „O Mensch, du bleibst mir verantwortlich für Schöpfung und Geschichte.“ Warum bleibt Gott bei seinem Plan der Zusammenarbeit mit einem schwachen Menschen. Welches sind die Wege, die aus dieser Notsituation der Menschen herausführen? Erstens: Die Umkehr zu Gott. Gott fragt: „Warum bittest du mich nicht. Ich würde dir alles geben, um was du mich bittest. Großes erwarte ich von dir, Mensch, aber noch Größeres bin ich bereit, dir zu geben. Wie kann ich aber einem ein Geschenk geben, der stumm an mir vorbeiläuft?“ Die Kraft zum Wirken muss und darf der Mensch sich erbitten, die Kraft aus dem Herzen des Schöpfers. Das vertrauensvolle Gebet ist das Äußerste, was wir vermögen. Gott selbst befähigt uns dazu. Er spricht: „O Mensch, du musst mir zutrauen, dass ich deine und deiner Welt Probleme mit dir zusammen lösen kann und will.“ Betend beginnen wir, die Probleme unserer Welt zu lösen. Im Beten erkennt der Mensch sich selbst. Seine Situation wird ihm bewusst, aber auch die Situation der Welt. Und darum: zweitens: Einkehr in sich selbst. Der verlorene Sohn, die verlorene Tochter finden den Weg der Heimkehr, indem sie die Situation bedenken, in die sie geraten sind. Not lehrt denken und begreifen! Selbsterkenntnis ist ein Weg zu möglicher Veränderung. Mit der Selbsterkenntnis kommt die Kraft der Reue. Diese ist ein Geschenk der erbarmenden Liebe des barmherzigen Gottes. So beginnt der Mensch und die Welt zu gesunden. Die innere Erschütterung, die Einsicht, die Einkehr und Umkehr ordnen zuerst unsere eigene Welt, aber auch unsere Mitwelt und Umwelt. Darum ist das Sakrament der Buße ein heilender Weg, der frei macht und neu aufrichtet.

Drittens: Die Hinkehr zum Mitmenschen. Gottesbeziehung ruft in die Menschenbeziehung. Gottesliebe ruft zur Menschenliebe, denn Gott und Mensch gehören zusammen. Deshalb ist die österliche Bußzeit eine Frühlingszeit der aufblühenden Liebe. Bei den alttestamentlichen Propheten, sowie bei Jesus von Nazareth ist der Ruf zur Umkehr zu Gott immer auch ein Ruf zur helfenden, liebenden, barmherzigen Hinkehr zum Menschen, vor allem zu den Schwachen, Bedürftigen, Armen und Kranken.

Viertens: Die Rückkehr zur Schöpfung. Darf Schöpfung überhaupt noch Schöpfung sein, oder müssen wir Menschen alles grundsätzlich verändern und besser machen wollen? Darf Natur noch Natur sein, oder müssen wir buchstäblich alles künstlich neu gestalten und anders machen als Gott es gegeben hat? Der vielfache Eingriff in unsere Mit- und Umwelt führt uns das Elend unserer Zeit in mannigfachen Katastrophen und Veränderungen der Lebensgrundlagen der Menschheit vor Augen. Wir sind gewiss nicht an allem Schuld, aber vieles können wir vermeiden und manche Wunden, die wir der Schöpfung sonst schlagen, rechtzeitig und in gemeinsamer Verantwortung verhindern.

Liebe Brüder und Schwestern! Wir beginnen erneut den Weg der österlichen Bußzeit. Umkehr tut Not. Umkehr zu Gott – Hinkehr zum Menschen – Rückkehr zur Schöpfung! Das ist der Weg zur Auferstehung und zum Leben.

Dazu segne euch der Drei-Eine Gott, der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen.