Gedanken zum Tag

„Nur Mut, Gott lenkt alles!“ Das Lebenszeugnis des Hl. Klemens Maria Hofbauer

Gedanken zum 200. Todestag des Apostels Wiens und Warschaus, des Hl. Klemens Maria Hofbauer (+15.3.1820)

zusammengestellt von P. Markus Gebhard Stark OCist

„Nur Mut, Gott ist der Meister!“

Vor neunzehn Jahren, im Jahr 2001, feierten der Orden der Redemptoristen und die Erzdiözese Wien den 250. Geburtstag unseres Heiligen. In diesem Jahr feiern wir seinen 200. Todestag. Beide Jubiläen bringen uns mit bedeutenden historischen Tatsachen in Berührung, auf die der Heilige durch sein Lebenswerk eine Antwort ist: der Beginn eines neuen Jahrtausends damals – „…Wir müssen das Evangelium neu verkünden“ – und heute in der Coronavirus-Krise: „Nur Mut, Gott ist der Meister!“

In meiner Zusammenfassung einiger biographischer Daten beziehe ich mich auf den Einkehrtag von P. Dr. Bernhard Vosicky OCist vor der “Gebetsgemeinschaft der Freude des Heiligen Kreuzes“ am 11. März 2001 im Kaisersaal des Stiftes Heiligenkreuz in Wien.

In einem Brief an die Klostergemeinschaft St. Benno in Warschau schreibt der Heilige im Jahr 1806: „Nur Mut, Gott ist der Meister! Er lenkt alles zu seiner Ehre und zu unserem Besten hin. Niemand kann ihm widerstehen. Alle Pläne der Menschen, seien sie noch so gut ausgedacht, dienen nur dazu, seinen Willen zu erfüllen. Ich habe mich in diesen Umständen ganz seinem Willen ergeben. Ich sehe, dass alles, was uns entgegen zu sein scheint, uns dorthin führt, wo Gott will. Nur Mut, Gott ist der Meister! Nur Mut, Gott lenkt alles!“

Dem Nuntius schreibt er nach Wien: „Ich hätte es wahrlich nicht nötig, in meinem vorgerückten Alter mich durch Hunger, Kummer und Sorgen, Ermüdung, beschwerliche Reisen und Unbilden der Witterung aufzureiben. Doch das sei ferne, dass ich meine Bequemlichkeit suche! Die Ehre Gottes, das Wohl der Kirche, das Heil der Seelen …Nur Mut, Gott ist der Herr; er lenkt alles zu seiner Ehre und zu unserem Wohle…“

Geboren und noch am gleichen Tag getauft wurde Johannes Hofbauer im kleinen Dorf Tasswitz bei Znaim in Südmähren, ca. 100 km von Wien entfernt, am 26.12.1751. Bis zur Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg war dieses Dorf mit seinen ca. 1500 Einwohnern zur Gänze deutschsprachig.

Der Vater unseres Heiligen hieß ursprünglich Peter Paul Dvorak. Als dieser 1736 Maria Steer heiratete, ließ er seinen Namen „eindeutschen“ und hieß fortan Hofbauer. In 18 Jahren schenkte Maria Hofbauer zwölf Kindern das Leben, das neunte ist unser Heiliger. In der Familie spielte der Glaube eine zentrale Rolle. Der Siebenjährige Krieg brachte große Not, vor allem weil der Vater mit 46 Jahren am 26. Juli 1758 plötzlich starb. Das zwölfte Kind war gerade unterwegs. Da führt die fromme Mutter den sechsjährigen Sohn unter das Kreuz und zeigt nach oben: „Mein Kind, von jetzt an ist der da oben dein Vater.“

Später mußte Johannes bei der Feldarbeit helfen, war Ministrant und bekam bald Lateinunterricht im Pfarrhof Tasswitz. Mit sechzehnJahren beginnt er in Znaim eine Lehrstelle als Bäcker. Dort blüht der junge Johannes richtig auf. Es geht ihm gut, denn es wurde viel gelacht und gesungen. Vielleicht begann er dort seine Liebe zur Musik zu entwickeln, denn später achtete er sehr darauf, dass durch schön gestaltete Gottesdienste die Menschen in die Kirche gelockt wurden, zuerst in Warschau und dann in Wien.

Als Bäcker hatte er auch das alte Prämonstratenserkloster Klosterbruck zu beliefern. Schnell war die Verbindung zu den Chorherren hergestellt, denn seine Pfarre Tasswitz wurde von Klosterbruck aus betreut, und der junge Johannes konnte nebenbei als „Werkstudent“ dort studieren.

Eine Typhusepidemie, die über das Land kam, machte viele Menschen arm und krank. Scharenweise kamen sie zum Kloster. Im jungen Herzen unseren Johannes wuchs die Liebe zu den Armen und Schwachen.

Die Schmiede Gottes hatte sodann mit unserem jungen Studenten etwas Besonderes vor: Da er kein Geld für ein Studium hatte, aber ganz auf Gott hin leben wollte, wurde er Einsiedler: zuerst an der Marienkirche Mühlfrauen bei Znaim im Pölzerwald. Dort wurde aus ihm ein wahrer Freund des Kreuzes. Als Waldbruder, wie die Menschen ihn nannten, schleppte er öfters ein schweres Kreuz von seiner Zelle bis zum Heiligtum nach Mühlhausen.

Nachdem von der k.k. Regierung das Eremitenleben verboten wurde, ging er nach Tivoli bei Rom. Die Reise führte ihn über Wien, wo er den lieben Peter Kunzmann kennenlernte, der ihn von nun an das ganze Leben begleitete. Gemeinsam bewohnten sie in der Nähe von Tivoli eine Einsiedelei und betreuten ein kleines Marienheiligtum. Schon nach einem halben Jahr aber wuchs in ihm der Herzenswunsch zum tätigen Apostolat und der Wunsch, Priester zu werden. So ging er zurück nach Wien und fand tatsächlich drei fromme Schwestern, die sein Studium finanzierten.

Inzwischen 32 Jahre alt, machte ihm sein Temperament zu schaffen. Denn von Natur aus neigte er zum Jähzorn. Noch dazu war in dieser Zeit der Aufklärung 1783 alles verpönt, was katholisch war. Romtreue, und vor allem Papsttreue waren gar nicht gefragt. Das ging ihm aber ganz gegen den Strich. Da machte ihm sein aufbrausendes Temperament sehr zu schaffen. „Ja, dieser Jähzorn ist halt mein Fehler, leider. Aber ich danke Gott dafür, denn dieser Fehler erhält ihn mir die Demut und bewahrt mich vor dem Stolz. Wenn ich diesen Fehler nicht hätte, wäre ich versucht, mir selbst die Hand zu küssen, aus Respekt von mir.“

In Wien schloss er Freundschaft fürs ganze Leben mit Thaddäus Hübl und auch mit dem Ex-Jesuiten P. Nikolaus Josef Albert von Diessbach, denn die Jesuiten waren in der Schweiz 1773 aufgelöst worden. Für Hofbauer wurde P. Nikolaus eine richtige Vaterfigur.

Nachdem aber Kaiser Josef II. eine Studienreform im Geist der Aufklärung verordnete und 800 Klöster schloss, entschied Klemens, gemeinsam mit Hübl nach Rom zu pilgern. Bei diesem neuerlichen Aufbruch klopften die beiden neben der Kirche Sant’ Alfonso in Rom an die Klosterpforte der Redemptoristen. Dort war man sehr froh, Kandidaten aus dem Norden zu haben und nahm sie mit offenen Armen auf: Schon am 24.10.1784 wurden sie eingekleidet, es begann das Noviziat, und am Josefitag 1785 legten die beiden ihre Gelübde ab. Am 29.3. erfolgte die Priesterweihe und bald darauf die Aussendung nach Polen, um dort den Orden auszubreiten. Nach einem langen Hindernislauf war Hofbauer am Ziel angekommen: Nur Mut, Gott lenkt alles!

Zu dritt zogen sie zuerst nach Tasswitz, und schließlich weiter nach Warschau. Dort bekamen sie die deutsche Nationalkirche St. Benno übertragen. Der Anfang war sehr schwer, doch allmählich wuchs die Gemeinschaft, und in einigen Jahren waren es bereits 25 Patres, die zur neuen Kommunität gehörten. Nach zwanzig Jahren waren es 65. Hofbauer gründete Laiengemeinschaften und Schulen für arme Kinder und Waisenkinder, eine Handarbeitsschule für Mädchen usw. Seine Pionierarbeit stand ganz unter dem Zeichen des Kreuzes. Höchstpersönlich ging er betteln. Erzählt wird, wie in einem Gasthaus ein Kirchenfeind saß und ihn anschrie: „Was fällt ihnen ein, mich anzubetteln?“ – Wobei er Hofbauer anspuckte, mitten ins Gesicht. Seelenruhig wischte er sich das überflüssige Wasser ab und sagte: „Ja, das war für mich, aber jetzt geben sie mir etwas für die Waisenkinder!“ Verblüfft über diese Reaktion drückte ihm dieser eine Riesensumme in den Hut. Er gab alles, was er hatte.

Wenn Hofbauer gar nicht mehr ein und aus wußte, klopfte er an die Tabernakeltüre und betete: „Herr, hilf! Es ist Zeit!“

Neben dem Geist der Aufklärung wütete damals noch eine zweite geistliche Strömung: der überstrenge Geist des Jansenismus. Diese Irrlehre hielt die Menschen von der häufigen Kommunion ab. Hofbauer antwortete mit einer immerwährenden Mission. Tag und Nacht war in seiner Kirche Betrieb: Schon zwischen 4 und 5 Uhr kamen die ersten Beichtkinder. Um fünf Uhr war die erste Heilige Messe, dann eine um sechs, usw. Am Nachmittag gab es Katechese in polnischer und danach in deutscher Sprache, usw. Es fehlte an keiner Initiative. Vor allem sorgte er für Musik im Gottesdienst. So war das Bennoiten-Orchester berühmt. Überhaupt war er in allem an Schönheit interessiert, vor allem in der Liturgie! Besonderer Schwerpunkt war das Bußsakrament. Die Kommunionen stiegen von 2000 auf 140.000 an. Aber der Kreuzweg war für Hofbauer nicht zu Ende!

Eine Anzeige als Staatsfeind bei Napoleon bewirkte seine sofortige Vertreibung. Selbst die Wut der Bevölkerung konnte daran nichts mehr ändern. Die Kirche wurde geschlossen, ebenso das Kloster, und am 20 Juni 1808 holten Wagen die Redemptoristen reisefertig ab, um sie auf verschiedenen Wegen aus dem Land zu schaffen. „Bewahrt euch die Heiterkeit des Gemütes“ war Hofbauers Anweisung.

Noch schlimmer war es, als Bruder Martin die Ausweise verloren hatte und man sie für Spione hielt und erschießen wollte. Schließlich erreicht Hofbauer im September 1808 die Stadt Wien.

Der Hl. Klemens Maria Hofbauer in Wien

Die Bevölkerung Wiens war damals zu 97% katholisch, aber nur dem Taufschein nach. So war zum Beispiel selbst die berühmte Kirche „Maria am Gestade“ der Aufklärung Josef II. zum Opfer gefallen. Sie wurde zu einem Getreidespeicher umfunktioniert. Heute ist sie die schöne Redemptoristenkirche, die das Grab des Heiligen birgt. Als die Wiener aus Warschau hörten, dass P. Klemens dort als Staatsfeind galt, war man ihm gegenüber argwöhnsich und bespitzelte ihn. In einem der zeitgenössischen Berichte steht: „Pater Hofbauer ist ein gutmütiger religiöser Fanatiker, aber er ist guten Glaubens. Um der Sittenverderbnis abzuhelfen, stellt er den Glauben an die positive Religion her. Er hilft, den Glauben wieder lebendig zu machen und das ist gut so.“

Zuerst wirkte er an der Kirche der Minoriten. In seiner Einzimmer-Wohnung in der Seilerstätte versammelte er unermüdlich Menschen um sich, jeden Alters und Ranges. Unermüdlich hörte er Beichte. Bereits 57 Jahre alt gelang es ihm allmählich, Wien für Christus zu erobern. Er war kein Rhetoriker, aber voller Glauben und Überzeugungskraft. Oft griff er zur Hl. Schrift und sagte: Das Evangelium muß ganz neu gepredigt werden. Er verstand es, das Evangelium als Frohe Botschaft volksnah, schlicht und einfach schmackhaft zu machen. Das bestätigt der berühmte Domprediger und Hofbauer-Schüler Dr. Emanuel Veith. „Seine Ausführungen haben mitgerissen und waren nicht langweilig, obwohl er oft eine ganze Stunde lang gepredigt hat. Die Predigten und die Zusprüche beim Beichten waren sehr anschaulich. Nicht selten nahm er einen Kübel Wasser und einen Stein mit in den Beichtstuhl und warf den Stein ins Wasser: „Sehen sie den Stein, er läßt sich da hineinfallen und wird ganz von Wasser umhüllt. Stellen sie sich jetzt das Herz Jesu, das Herz des Erlösers vor wie ein Meer voller Liebe. Lass dich einfach hineinfallen in dieses Meer voller Liebe, wie dieser Stein in den Kübel voller Wasser, und lass dich von der göttlichen Liebe ganz umhüllen.“

Auf der Kanzel übte er geradezu eine magische Anziehungskraft aus. Dazu meint eine weitere Persönlichkeit seiner Zeit, Kardinal Rauscher: „Als Prediger war er bewunderungswürdig. Er hatte sich nie auf das Studium der Beredsamkeit verlegt. Dennoch habe ich niemals einen Prediger gehört, dessen Worte so mächtig auf das eine Notwendige hinzielten; daher kam es, dass er die Herzen von höchst Gebildeten wie des gemeinen Volkes in gleicher Weise mächtig bewegte.

Ein weiterer Zeuge, P. Madlener, berichtet: „Ich habe gewöhnlich jeden Sonntag seine Predigt gehört. Ich habe noch nie einen so apostolischen Mann gesehen, als Hofbauer es war. Seine Predigten waren voll Salbung und Einfalt, frei von Gelehrsamkeit und echt populär. … Der Eindruck war außerordentlich. Die schönsten Bekehrungen, besonders der Jugend, waren die Folgen.“ Überhaupt ist die Jugend bei Hofbauer ein- und ausgegangen. Er hatte ja nur einen Raum in der Seilerstätte bei den Ursulinen Dort war er Beichtpriester und Kirchenrektor. Man konnte einfach zu ihm hineinkommen und wieder gehen. Für alle war er da. Allen wollte er alles werden.

„Dieser Mann flößt ungemeines Vertrauen ein. Ich habe nie einen Mann gesehen, der einem das Christentum so lieb zu machen weiß wie er. Bei seinen Predigten denke ich oft: So müssen die Apostel gesprochen haben.“ So sagte Sophie Schlosser über Hofbauer.

Der größte Fisch im Netz von P. Klemens war wohl der große und gefeierte Schriftsteller Wiens, Zacharias Werner, Begründer des Schicksalsdramas der deutschen Romantik, ein berühmter Bühnendichter, selbst von Goethe geschätzt und gefeiert. Doch sein Privatleben ließ sehr zu wünschen übrig. Dreimal war er geschieden und wechselte mehrmals wöchentlich von einer Frau zur anderen. Als fanatischer Freimaurer verfolgte er Hofbauer bis aufs Blut und voller Hass. Als preußischer Kammersekretär lernte er Hofbauer in Warschau kennen. In einem Brief schrieb er einmal: „Sein fades Geschwätz auf der Kanzel verursacht unglaublichen Schaden. Alles will ich werden, nur niemals katholisch. Ich sah dort in der Kirche der Bennonen ein Kruzifix in Lebensgröße von Holz … ich hätte in dem Augenblick hundert Dukaten darum gegeben und wohl angewandt, wenn ich dieses Kruzifix auf dem Buckel der Pfaffen und des Hofbauers hätte entzwei schlagen können.”

Eine Zeit von fünf Jahren war vergangen, und Hofbauer hatte immer für Zacharias Werner gebetet. In dieser Zeit ging dieser nach Rom, wurde 1810 katholisch und 1814 Priester. Als er zurück nach Wien kam, war dies eine Sensation. Er zählte unbestritten zu den bizarrsten Gestalten der deutschen Romantik. Auch sein Kanzelwort war eine Sensation. So war in Wien im Jahr 1814 wirklich etwas los. Zacharias Werner wurde und blieb ein treuer Freund Hofbauers und die beiden trafen sich immer wieder im Freundeskreis. „Katholisch geworden bin ich durch Hofbauer“, gesteht er später dankbar, “und wurde sogar sein innigster Freund und demütigster Schüler.”

Der Heilige Klemens war vor allem ein Heiliger der Freundschaft. Aus der früheren „Amicitia Christiana“ trafen sich immer wieder prominente Frauen und Männer, eine sehr lange Liste, die es da zu erwähnen gilt. Viele der Beichtkinder Hofbauers kannten sich untereinander, und so entstand der “Hofbauerkreis” der Romantiker, um christliches Leben zu vertiefen und die christliche Kultur aufzubauen. Was Hofbauer vor allem ausstrahlte und was ihn so anziehend machte, war mit einem Wort „Authentizität“, oder in der Sprache der Kirche: Heiligkeit.

Am 15. März 1820 waren im Zinshaus an der Seilerstätte sechs Personen am Sterbebett anwesend: Hofbauers Freund und Arzt Dr. Veith, sein Beichtvater Franz Schmid, zwei junge Theologen, Prof. Roman Zängerle und die Klostermagd Marianne. Es war Mittag, und P. Klemens sagte mit letzter Kraft: „Betet, man läutet den Angelus“! Während diesem Gebet gab er seine Seele Gott zurück.

Der Leichenzug wurde zu einem Triumphzug. Ein riesiger Trauerzug setzte sich ohne vorausgehende Einladung in Bewegung. Zwölf Jugendliche trugen den Sarg. Zu Tausenden waren die Menschen aus der Stadt und den entlegenen Vororten zusammengeströmt. Auf einmal wurden Kerzen ausgeteilt und so wurde die Trauerprozession zu einer Lichterprozession, und man zog vom Sterbehaus kommend zum Stephansplatz. Plötzlich öffnete sich das Riesentor und man zog in den Dom, der die Massen nicht mehr fassen konnte. Es war eines der größten Begräbnisse, die Wien je gesehen hat.